3.–4. Dezember 2021
Online
Längst haben sich Fotografien als ein bequemes Werkzeug alltäglicher Kommunikation etabliert. Eingelöst wird damit ein Versprechen, das diesem Medium seit seinen Anfängen eingeschrieben ist: Fotografien sind ein Instrument der Vervielfältigung. Die mit ihnen angelegten Prozesse der Reproduktion weisen tendenziell ins Unendliche. Doch werden Fotografien beinahe ebenso lange als ein künstlerisches Objekt diskutiert, gehandelt und gesammelt. Der Wert solcher Bilder bemisst sich gerade nicht in ihrer massenhaften Verfügbarkeit und den alltäglichen Gebrauchsweisen. Wer Fotografien nach den tradierten Maßstäben der Kunstgeschichte und des Kunstmarktes bemisst, bringt Vorstellungen von Besonderheit und, im äußersten Fall, von Einmaligkeit ins Spiel.
Damit sind die beiden äußeren Enden eines Spektrums benannt, auf dem sich die Werte des Fotografischen abbilden lassen. Aus interdisziplinärer Sicht nahm das Erste Essener Symposium für Fotografie die hiermit verbundenen Fragen in den Blick. In programmatischer Absicht wurden unterschiedliche Felder der fotografischen Praxis adressiert: Kunst, Wissenschaft, Archiv, Kuratorisches, Restaurierung und nicht zuletzt den durch Galerien und Auktionshäuser vertretenen Kunstmarkt.
Das Symposium gliederte sich in insgesamt fünf Panel:
Märkte
Rund um das fotografische Bild haben sich in den vergangenen Jahrzehnten eingespielte Wege der Vermittlung und Vermarktung fotografischer Kunst entwickelt. Unterschiedliche Grade der Digitalisierung im Alltag führen heute zu neuen und erweiterten Handlungsweisen, die einen offenen und breiter angelegten Zugang zum Bild ermöglichen. Dieses erweiterte Verständnis reicht über die Konventionen eines einzelnen fotografischen Objekts hinaus und öffnet den beteiligten Akteuren vielfältige Perspektiven. Der Fotohistoriker Steffen Siegel (Essen), die Galeristin Priska Pasquer (Köln) und Dirk Boll vom Auktionshaus Christie’s (London) stellten ihre Perspektiven auf die in Bewegung geratenen Märkte vor.
Moderation: Thomas Seelig (Museum Folkwang)
Limitierungen
Eine wesentliche Eigenschaft fast aller fotografischen Verfahren ist es, dass sie zu einer unbegrenzten Zahl von Bildern führen. Gerade in unserer digital verfassten Gegenwart erleben wir, wie uferlos nicht allein die fotografische Produktion insgesamt ist, sondern wie weit auch die Verbreitung einer einzelnen Aufnahme reichen kann. Demgegenüber steht aber ein Interesse an Limitierungen, das auf dem Weg der Verknappung fotografischer Bilder eine eigene Form der Wertschöpfung erzielt. Der Künstler Oriol Vilanova (Brüssel), der Kunsthistoriker und Kurator Thomas Schmutz (Basel) und die Foto-Gutachterin Simone Klein (Köln) sprachen über die Funktionen und nicht zuletzt auch die Probleme, die diese Strategien hervorrufen.
Moderation: Steffen Siegel (Folkwang Universität der Künste)
Sammlungen
Anhand konkreter Beispiele aus der wissenschaftlichen Arbeit in Sammlungen und Archiven sollen fotoethische, konservatorische, rechtliche und historische Aspekte diskutiert werden. Es steht in Frage, ob die für analoge Fotografien gültigen Konventionen auf »digital born«-Bestände angewendet werden können. Wie einmalig ist eine digitale Ursprungsdatei? Hat dieses Bewertungskriterium überhaupt Relevanz? Es diskutierten Manuela Fellner-Feldhaus vom Historischen Archiv Krupp (Essen), Teresa Gruber von der Fotostiftung Schweiz (Winterthur), Lucia Halder vom Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln) und Mirco Melone vom Historischen Museum Basel.
Moderation: Stefanie Grebe (Ruhr Museum)
Materialitäten
Die Bildlichkeit der Fotografie wird nicht allein durch ihren Inhalt bestimmt, sondern ebenso maßgeblich durch ihre Materialität. Aber wie verstehen wir diesen Begriff in Bezug auf ein Medium, welches durch seine Transparenz zur Wirklichkeit bestimmt wird? Erst aus dem Zusammenspiel von Bildinhalt und medialem Grund entfaltet sich der ganze Wert von fotografischen Werken. Für die Form des Zeigens ergeben sich hieraus wichtige Konsequenzen. Aus unterschiedlicher Perspektive sprachen die Künstlerin Batia Suter (Amsterdam), der Gründer und Herausgeber des Yet-Magazin Salvatore Vitale (Zürich) und der Restaurator Peter Konarzewski (Essen) über die Materialitäten der Fotografie.
Moderation: Elke Seeger (Folkwang Universität der Künste)
Originale
Der Begriff des Originals ist historisch eng verbunden mit der Idee einer autonomen Autor:innen-Subjektivität. Doch steht die Fotografie durch ihre medientechnischen Voraussetzungen seit jeher zum »Original« in einem besonderen Spannungsverhältnis. Die Digitalisierung hat dies verstärkt. Welchen Sinn hat der Begriff von Autorschaft angesichts von kollektiven Recherche-Teams, bei der Arbeit mit »found footage« und nicht zuletzt bei einer automatisierten Bildproduktion, die unsere Gegenwart immer stärker prägt? Mit den Künstlerinnen Nora Al-Badri (Berlin) und Anouk Kruithof (Brüssel) sowie der Kuratorin Inka Schube (Hannover) fragte diese Diskussionsrunde daher auch: Was kommt nach der Ent-Wertung des Originals?
Moderation: Markus Rautzenberg (Folkwang Universität der Künste)